Heppenheimer Schüler gedenken der NS-Opfer

In der Aula des Starkenburg-Gymnasiums herrscht am Montagvormittag das alltägliche Gewusel. Doch Lautsprecherboxen und ein Mikrofon weisen darauf hin, dass an diesem Tag etwas Unübliches geplant ist. Wenig später treffen sich drei Religionskurse der Jahrgangsstufe elf zu ihrer Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus und der Reichspogromnacht.

„Gewalt und Zerstörungen der Pogromnacht vor 83 Jahren, die vom NS-Regime in ganz Deutschland angeordnet worden sind, waren der Beginn für die systematische Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung“, so der evangelische Pfarrer Frank Sticksel. Nach einer Begrüßung durch Schulleiterin Katja Eicke sowie zwei kurzen Ansprachen von Sticksel und Bartho Forchner-Thöne, Fachvorsteher Religion, waren die Schüler selbst an der Reihe.

Sechs Elftklässler lasen zum Gedenken an die Nacht vom 9. November eine Geschichte über die Ereignisse in der heutigen Kreisstadt sowie die Namen jener Juden, die den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen sind.

SCHWEIGEKREIS AM 9. NOVEMBER

Am Dienstag, 9. November, laden die katholischen Pfarreien und die evangelischen Kirchengemeinden Heppenheims zum stillen Gedenken an die Deportation und Ermordung jüdischer Bürger Heppenheims ein.

Treffpunkt ist um 21 Uhr am Starkenburgweg am Gelände der zerstörten Synagoge. Nach dem 15-minütigen Läuten aller Kirchenglocken wird bei Kerzenlicht mit Gebet, Namensnennung und Schweigen an die jüdischen Opfer der Nazi-Diktatur gedacht.

Um 19.30 Uhr wird im Marstall der Flyer „Spurensuche – jüdisches Leben in Heppenheim“ vorgestellt, den der Verein Stolpersteine Heppenheim und Gemeindepädagogin Edith Zapf erarbeitet haben. (bib)

Die restlichen Mitschüler haben sich in der Mitte der Aula verteilt. Kreuze markieren die Punkte, an denen sie stehen müssen. Die Corona-Pandemie zwingt nach wie vor zu Abstand und dem Tragen einer Maske. Einige Interessierte aus anderen Klassen schauen vom ersten Stockwerk herab, was in der Halle passiert.

Der Schulalltag der anderen Klassen ist teils deutlich zu hören. Türen gehen auf und knallen zu. Doch pünktlich zur Schweigeminute ist es plötzlich ganz leise im Schulgebäude. Mit einem Lied aus dem Film „Schindlers Liste“ (Oskar Schindler beschäftigte in seiner Firma Juden, um sie vor der Deportation und Ermordung zu bewahren) wurde die Veranstaltung schließlich beendet. „Es ist wichtig, darauf aufmerksam zu machen, was damals passiert ist“, sagt der Elftklässler Lukas Lindemann. „Ich finde, es bringt auch was, vor allem, weil man sich diese Minute sonst nicht so nimmt“, ergänzt ein Mitschüler. Zur Vorbereitung hatten sie im Religionsunterricht das Thema besprochen, manche einen Film mit Zeitzeugen gesehen. Im zweiten Schulhalbjahr soll es für die Elftklässler selbst ein Zeitzeugengespräch geben, berichtet Christiane Wüstner, Fachbereichsleitung der Gesellschaftswissenschaften am Starkenburg-Gymnasium.

„Rassismus und Antisemitismus sind bis heute nicht überwunden, weshalb es so wichtig ist, an die grausamen Folgen zu erinnern“, findet Pfarrer Sticksel. Die Schule hat sich auf die Fahne geschrieben gegen Rassismus vorzugehen. Dafür beteiligt sich das Gymnasium unter anderem am Projekt „Schule gegen Rassismus – Schule mit Courage“.

(C) Starkenburger Echo, 09.11.21